Wenn es beginnt ... Quellen
und Brunnen sind oft Orte und Metaphern erwachender Liebe. Jakob, der
Patriarch des Alten Testamentes, erblickt am Brunnen Rahel, die
später seine Frau wird. Und in der Sage vom Zauberer Merlin
erblickt der Held an einer schönen, klaren Quelle die junge
Nynianne und das Zauberspiel der Liebe beginnt. In Grimms Märchen
Die Gänsehirtin am
Brunnen legt die als
hässliche Gänsehirtin verkleidete Königstochter an
einem Waldbrunnen ihre alte Haut ab - und auf einem Baum versteckt
entdeckt ein junger Graf ihre Schönheit ...
Das
frisch und klar aus den Tiefen der Erde sprudelnde Wasser ist
wahrlich ein wunderbares Bild für den Beginn einer Liebe. Aus
den Quellen scheint unversiegendes Glück zu sprudeln und die
Gefühle sind frisch und rein wie das Wasser. In dem
mittelalterlichen Epos Tristan
und Isolde fließt der
Bach vom Gartenbrunnen in die Richtung von Isoldes Kemenate. Auf
Holzspäne malt Tristan seine Liebesbotschaften und lässt
sie den Bach hinabschwimmen. Sie entdeckt die Späne und
schleicht des nachts zum Brunnen, wo Tristan sie erwartet.
Doch
eine Liebe kann nicht am Brunnen verweilen.
Wie tosender Fluss
So wie
aus einem kleinen Quellfluss ein tosender Fluss werden kann, so geht
auch die Liebe ihren Weg: sie wird wilder, umfassender,
überschäumender. Wunderschön ausgedrückt im
Tannhäuser
von Heinrich Heine:
"Ich
liebe sie mir Allgewalt,
nichts
kann die Liebe hemmen.
Das
ist wie ein wilder Wasserfall,
du
kannst seine Fluten nicht dämmen." Wenn die
Liebe uns packt, dann sind wir wie in einem wilden Strom: lebendig
und energiegeladen, von immer neuen Gefühlswellen getrieben,
überschwemmt, hin – und her gerissen. Geradezu soghafte Kräfte
scheinen uns gepackt zu haben.
Die alles verschlingende Meeresflut
Das
klassische Bild der Gefahr bringenden Leidenschaft ist die tosende,
alles mitreißende Meeresflut. Sie repräsentiert die Liebe
als rauschhafte Kraft, die das Bewusstein verdrängt oder gar
verschwinden lässt. In Lessings Emilia Galotti bezeichnet sich
der Held als einen “Raub der Wellen” ob seiner leidenschaftlichen
Liebe zur Titelheldin. Liebe ist eine elementare Kraft wie das
Wasser. Sie durchdringt alles und kann auch alles verschlingen.
„Liebe ist stark wie der Tod.“ heißt es beim Prediger
Salomo im Alten Testament.
Liebe und Tod
In den
Schlussversen von Richard Wagners Oper Tristan
und Isolde schlagen die
Wellen und Wogen eines ungeheuren Meeres über dem Liebespaar
zusammen. Isolde besingt eine geradezu mystische Vereinigung von
Liebe und Tod:
In
dem wogenden Schwall, ertrinken,
in
dem tönenden Schall, versinken –
in
des Welt-Atems unbewusst –
wehendem
All - höchste Lust!
Wasser,
Liebe und Tod – das scheint irgendwie zusammen zu gehören.
Eine Ahnung davon erleben wir, wenn wir einer verflossenen Liebe
nachtrauern. Erstarrt stehen wir wie an einem großen, breiten
Strom, der alles fortschwemmt, was einmal gewesen. Melancholie
umschleicht uns wie ein dichter Flussnebel. Wunderbar in Worte
gefasst von Johann Wolfgang von Goethe (An
den Mond)
Fließe,
fließe, lieber Fluß!
Nimmer
wird ich froh,
So
verrauschte Scherz und Kuß,
Und
die Treue so.
Was wäre
die Dichtung, was wäre die Kunst, wenn es das Wasser nicht gäbe?
Es müsste erfunden werden.